Erfahrungsbericht zum NAGAOKA MP-700H – Teil II: Nach dem Stimmbruch
Wozu die Einspielzeit?
Wer einen Tonabnehmer auspackt, am Tonarm montiert, sauber justiert und nach den ersten Misstönen bereits enttäuscht aufgibt, sollte noch einmal tief in sich gehen. Das ganze Prozedere lohnt sich nur, wenn man Folgendes mitbringt: Zeit und Feingefühl. Es ist wie immer im Leben – man lernt sich kennen, man stellt sich aufeinander ein und dann kommt man sich näher. Irgendwann weiß man dann, mit Klassik braucht man gar nicht erst anzukommen, oder bei Jazz geht die Sonne auf, oder eben auch: Zu viel Druck macht die ganze Beziehung kaputt. Ohne die Einspielzeit kann so ein Tonabnehmer sein Potenzial nicht voll ausschöpfen – und daher auch nicht beurteilt werden.
Aber was passiert da eigentlich genau, und warum wird der Tonabnehmer in der Einspielphase bei längerer Spielzeit immer besser?
Das Wichtigste ist der mechanische Prozess. Der eigentliche Abtastdiamant sitzt auf einem Nadelträger, der in einem elastischen Lager aus (meistens) Gummi aufgehängt ist. Durch die Bewegung wird dieses Lager sehr viel geschmeidiger, was der Beweglichkeit der Nadel nicht nur zugutekommt – von ihr hängt ein Großteil der Wiedergabequalität ab. Der einzige Weg, dahin zu kommen, wo der Nadelträger samt Abtaster sich gesetzt hat, ist, die Einspielphase komplett durchzufahren. Erst dann (ein paar Kilometer mehr oder weniger) kann man wirklich ein Urteil über den Tonabnehmer fällen.
Wir haben unser MP-700H eingespielt, indem wir einfach ständig sehr viel Musik haben laufen lassen. Richtige Justage vorausgesetzt, kann dabei fast nichts schiefgehen.
Nach der Einspielphase
Auch nach den genannten 50 Stunden wird sich der Tonabnehmer noch verändern – doch die dramatische Phase haben wir hinter uns. Die erste Platte mit dem „erwachsenen“ Tonabnehmer darf dann auch etwas Besonderes sein. Die Entscheidung fällt auf WARSAW von Joy Division, die damals als Band noch Warsaw hießen. Nach einer Reihe unterschiedlichster Aufnahme- und Schallplattenqualitäten während der Einspielphase, die das MP-700H durchforsten durfte, haben wir hier einen schönen Mix: Die als DMM-Cutting vorliegende Albumversion (also als physikalisch besonders präzise verarbeiteter Tonträger) beinhaltet die ersten (guten) RCA-Aufnahmen und fünf Bonus-Tracks, die zu den ersten Stücken zählen, die die Band je aufgenommen hat. Diese fünf Aufnahmen klingen sehr nach Punk und sehr nach Garage. Was kann da ein guter Tonabnehmer ausrichten?
Zunächst einmal, Seite A: Bass, Gitarren, Schlagzeug – Punk-Rotz, fast schon unangenehm detailreich und präzise. Will man so Punkrock hören? Das MP-700H transportiert einfach alles: die Kunst der professionellen Punks und die Chemie zwischen den Musikern. Das funktioniert auch beim Punkrock. Die erwähnten Bonus-Tracks allerdings klingen eher wie ein Livekonzert: Man verzeiht viel – aber man hört auch alles. Der Spaßfaktor bleibt. Manchmal kommt es nicht darauf an, zu welcher Party man geht, sondern mit wem. Und mit unserem japanischen Freund fühlen wir uns sehr wohl.
Als wir ihn mit Brian Enos LUX aus dem Jahr 2012 erleuchten, passiert fast gar nichts. Das liegt zum einen an der minimalistischen Musik, zum anderen an der vorherrschenden Post-Punk-Idylle im Kopf. Brian Eno muss man einfach wirken lassen. Wenn man das Plattencover aufklappt, sieht es ein bisschen aus wie Musizieren nach Zahlen – der Mann (oder wer auch immer) hat offenbar seine Musik im Bild festgehalten. Das MP-700H unterscheidet mühelos zwischen Ost und West, Nord und Süd, Vorder- und Hintergrund. Vor uns entsteht ein akustisches Bild, das wir mit aller Ruhe betrachten wollen, ohne über das Equipment nachzudenken.
Ein auffälliges Merkmal des MP-700H ist die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Tonabnehmer agiert. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und präsentiert seinen Sinn für Details, ohne dabei pingelig zu wirken. Für Nagaoka und für alle Vinyl-Enthusiasten hat sich die lange Wartezeit gelohnt – Der MP-700 ist in seiner Klasse ein Ausnahme-Tonabnehmer, der seinen Hörerinnen und Hörern absoluten Vinyl-Genuss beschert.