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Querdenker – Elon Musk

Text: Olaf Adam • Fotos: NASA, TESLA, Shutterstock (Kathy Hutchins, AoC)

Dieser Artikel ist ursprünglich erschienen in 0dB – Das Magazin der Leidenschaft N°2

Elon Musk hat offensichtlich großen Spaß daran, etablierte Branchen gehörig durcheinanderzuwirbeln. Bereits 1995 gründete er gemeinsam mit seinem Bruder im damals noch jungen Internet ein Branchenverzeichnis namens Zip2. Es verknüpfte die Adressdaten der eingetragenen Firmen mit einem Routenplaner für die Anfahrt. Mal eben nachschauen, wo es in der Nähe eine gute Pizza gibt? Heute normal, doch in den späten Neunzigern war das schlicht revolutionär. Und lukrativ, denn der (damalige) Computer-Riese Compaq erwarb das Start-up nur drei Jahre später. Und plötzlich war Elon Musk mehrfacher Millionär – mit 27 Jahren.

Doch Musk ist Entrepreneur aus Überzeugung, also investierte er in seine nächste Idee und gründete den Internet-Finanzdienstleister X.Com, aus dem der Online-Bezahldienst Paypal hervorging. Als dieser schließlich im Jahr 2002 von Ebay übernommen wurde, konnte es dem Gründer auch egal sein, dass er gerade als Firmenchef entmachtet worden war. Durch seinen Anteil an der Kaufsumme verfügte er mit Anfang 30 über ein geschätztes Barvermögen von etwa 200 Millionen Dollar. Ums Geld geht es ihm seitdem also offensichtlich nicht mehr; trotzdem hat der dynamische Vielgründer danach erst richtig aufgedreht: Seine Firma SpaceX, gegründet 2002, ist das erste private Raumfahrtunternehmen mit einer wiederverwendbaren Rakete und mittlerweile einer der wichtigsten Versorger der Internationalen Raumstation ISS. Langfristiges Ziel von SpaceX ist es übrigens, eine Besiedelung des Mars zu ermöglichen. Und das ist völlig ernst gemeint.

 

 

MODERNE MOBILITÄT

Musks wohl bekanntestes Unternehmen, Tesla, ist wesentlich erdverbundener. Zunächst von der Konkurrenz als Spaßprojekt eines exzentrischen Millionärs verspottet, lacht in der Autoindustrie niemand mehr über das Unternehmen, das quasi im Alleingang die Elektrifizierung des Automobils vorantreibt und ein Vorreiter des autonomen Fahrens ist. Mit seinen Stromspeichern namens Powerwall und Powerpack hat Tesla zudem eine Technologie im Programm, welche die Energieversorgung weltweit revolutionieren könnte.

Musks Nachdenken über Mobilitätskonzepte für die Zukunft mündete 2013 in sein Konzept der „Hyperloops“ – unterirdische Magnetschwebebahnen, mit denen man bald Strecken bis zu 1.500 Kilometern schneller, effizienter und günstiger zurücklegen können soll als mit Flugzeugen oder herkömmlichen Zügen. Zudem plant Musk, den innerstädtischen Verkehr in großen Städten ebenfalls komplett unter die Erde zu verlegen. Und weil für beide Vorhaben ziemlich viele ziemlich große Tunnel in ziemlich kurzer Zeit gebaut werden müssen, gründete Musk gleich noch The Boring Company, die neuartige Tunnelbohrtechniken entwickeln will, die, man ahnt es, günstiger und schneller als herkömmliche Methoden sein sollen.

 

 

SCHRÄGER HUMOR

Die Namensgebung dieser letzten Gründung ist typisch für den manchmal exzentrischen Entrepreneur. Das Wortspiel aus dem englischen Wort für langweilig („boring") und dem für bohren („to bore“) war einfach zu gut, als dass er es hätte ignorieren können. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit erklärt Musk auch schon einmal die Vorzüge der solargespeisten Tesla Supercharger bei einer Zombie-Apokalypse, nennt eine besonders wirksame Einstellung des Außenluftfilters im Tesla „Bioweapon Defense Mode“ (Biowaffen-Abwehrmodus) oder tauft die besonders zügigen Beschleunigungsstufen seiner E-Autos in Anlehnung an den Kultfilm Spaceballs „Insane Mode“ und „Ludicrous Mode“ (in etwa „wahnsinnig“ und „aberwitzig“).

Doch manchmal geht diese Unbekümmertheit auch zu weit. Etwa, wenn er ein umfangreiches Update der Fahrerassistenzsysteme im Tesla als Autopilot betitelt. Zwar hatte Tesla ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Fahrer auch bei Einsatz des Autopilot-Systems jederzeit aufmerksam sein müsse. Doch einige Tesla-Besitzer hatten das Kleingedruckte wohl nicht gelesen, wie zahlreiche Youtube-Videos zeitungslesender oder sonstwie abgelenkter Fahrer und leider auch einige Unfälle mit mindestens einem Todesopfer belegen. In konventionelleren Unternehmen wären diese flapsigen Bezeichnungen irgendwo im Filternetzwerk von Marketingexperten, Konzernjuristen und anderen Bedenkenträgern hängen geblieben. In den gleichen Netzen würden allerdings auch viele gute Ideen gefangen, in ihrer Umsetzung verzögert oder ganz unter den Teppich gekehrt werden. Echte Innovation kann so bereits im Keim erstickt werden. Genau das will Musk aber unter allen Umständen vermeiden, und deshalb basieren alle seine bisherigen Geschäftsideen darauf, verschlafene, verkrustete oder in Selbstgefälligkeit erstarrte Branchen durcheinanderzuwirbeln.

DISRUPTION ALS PRINZIP

Zip2 zeigte den Gelben Seiten dieser Welt, wie das Internet funktioniert, Paypal schnappte dem etablierten Bankensystem das vielleicht wichtigste Kuchenstück des modernen Finanzmarkts vor der Nase weg. SpaceX bewies der altehrwürdigen NASA, dass Weltraumfahrt nach wie vor nicht nur möglich, sondern auch finanzierbar ist. Und Tesla treibt seit mittlerweile 15 Jahren die globale Autoindustrie vor sich her; nicht nur bei der Entwicklung elektrischer Antriebe, sondern auch bei den Assistenzsystemen, bei der Entwicklung hin zum autonomen Fahren, bei der Gestaltung des Interieurs und in Sachen Vertriebs und Geschäftsmodelle.

 

 

Elon Musk will, um ein viel genutztes Buzzword zu bemühen, unter allen Umständen „disruptiv“ sein, also bestehende Strukturen, Denkmuster und Verhaltensweisen aufwühlen, durcheinanderbringen und gegebenenfalls einreißen. Denn nur so kann wirklich etwas Neues, etwas Revolutionäres entstehen. Und umgekehrt kann es äußerst hinderlich sein, wenn Unternehmen oder ganze Branchen so sehr in eingefahrenen Strukturen gefangen sind, dass sie wichtige neue Entwicklungen nicht schnell genug umsetzen können oder gar nicht erst erkennen. Tradition und Erfahrung sind sicherlich wichtig für ein Unternehmen, doch man muss man sich auch weiterentwickeln. Sonst geht es einem wie Nokia, das noch 2007 den Handymarkt beherrschte, das iPhone nur belächelte und keine sechs Jahre später aufgeben musste. Oder wie dem Kodak-Konzern, über 100 Jahre lang ein Gigant im Fotobereich, der die digitale Fotografie quasi selbst erfand, die Tragweite dieser Entwicklung jedoch verkannte und im gleichen Jahr wir Nokia in der Bedeutungslosigkeit verschwand.

KLUGES KALKÜL

Wäre er in der Software und Internet-Industrie geblieben, würde Elon Musk vielleicht nicht die gleiche Aufmerksamkeit zuteil, denn hier schießen hippe Start-ups mit „disruptiven“ Ideen quasi täglich aus dem Boden. So ist es vielleicht auch einem gewissen Kalkül zuzuschreiben, dass der professionelle Querdenker Musk sich nach Paypal ausgerechnet in äußerst konservativ agierenden Branchen engagiert. Die Raumfahrt wird von in Schwerfälligkeit erstarrten Behörden wie der NASA beherrscht; die Automobilkonzerne klammern sich verzweifelt an uralte Konzepte, die nur noch mit großem Marketingaufwand und technischen Tricksereien als zukunftstauglich verkauft werden können. In solchen verkrusteten Strukturen ist es relativ leicht, anders zu sein. Den eigenen Autos Software-Updates per Internet aufzuspielen, während die Konkurrenz noch USB-Schnittstellen als aufpreispflichtiges Hightech anpreist – da fällt es leicht, aufzufallen.

Allerdings ist auch ein Elon Musk nicht vor Rückschlägen gefeit. Tesla fährt jedes Jahr aufs Neue Millionenverluste ein, der Produktionsstart des als Massenprodukt geplanten Model 3 verläuft äußerst schleppend und die ersten Rückrufaktionen wegen Produktionsmängeln beim Model S gab es auch schon. Natürlich werden solche Fehltritte von der düpierten Konkurrenz mit einer gewissen Schadenfreude aufgenommen und in den Medien breitgetreten. Und richtig ist sicherlich auch, dass der Schritt vom Kleinhersteller zum Massenproduzenten ein kleines, innovatives Unternehmen wie Tesla vor Herausforderungen ganz eigener Art stellt. Doch Mut zum Ausprobieren erfordert eben auch den Mut, möglicherweise zu scheitern. Und diesen bringt Elon Musk ganz offensichtlich mit.

EGOMANE ODER WELTENRETTER?

Ja, Musk verfügt ganz ohne Zweifel über ein ausgeprägtes Ego und genießt die mediale Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwird. Und ein gewinnorientierter Geschäftsmann ist er bestimmt auch. Doch er steckt sich wesentlich langfristigere Ziele als gemeinhin üblich, und dass er im Grunde wirklich die Welt verbessern will, nimmt man ihm auch ab. Mit Sicherheit werden nicht alle seine Ideen funktionieren, das weiß auch ein Elon Musk. Doch trotzdem geht er mit entwaffnender Selbstverständlichkeit Projekte an, die andere höchstens für Science-Fiction halten. Wenn man etwas wirklich Neues schaffen will, gilt es als als Erstes, die Grenzen der menschlichen Vorstellungkraft zu überwinden. Und das, so scheint es, hat Musk zu seiner eigentlichen Lebensaufgabe gemacht.

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